MAGIC DE LUXE

Es ist eine Herausforderung für mich, meiner Mutter mit einer Kamera zu begegnen, und eine andere, sehr intime und zugleich distanzierte Situation der Begegnung und wechselseitigen Auseinandersetzung zu initiieren. Unsere Zeit vor und hinter der Kamera wird die konzentrierteste gemeinsame Zeit des Zusammenseins, der Erzählung und andauernden Auseinandersetzung sein, die wir jemals hatten.
Es soll darum gehen, für ihre Person, Eigenheiten und Geschichte(n) und unsere Beziehung das „richtige“ Format zu finden. Was ist meine Mutter für eine Frau? Wie hat sich mein Blick auf sie verändert? Was ist das Geheimnis ihres geradlinigen Lebens in so „totaler Ordnung“? Und, was fällt unter den Teppich, wenn alles seinen festgelegten Platz hat?
Meine Mutter repräsentiert in ihrer Entscheidung gegen eine berufliche Karriere und für eine Rolle als Ehefrau und Mutter einen typischen Lebenslauf ihrer Generation und Schicht. Vor dem Hintergrund der Generation von Frauen 1940 plus, für die die Entscheidung zwischen Konvention und Emanzipation erstmals zur Debatte stand, ist sie an ’68 vorbei zielsicher den „klassischen“ Weg in eine Ehe mit den gängigen Rollenverteilungen gegangen. Und sie lebt mit den – ihr durchaus bewussten – Kompromissen allem Anschein nach sehr gut. Das ist sowohl für ihre Generation (und viel mehr noch für meine) eher ungewöhnlich.
Es wird um Kontraste in Lebenswegen und Vorstellungen gehen, um Konflikte und Lösungswege. Um Mütterwünsche und Tochterwesen, um Emanzipation und Kompromisse.
Ihr Leben ist von äußeren Schicksalsschlägen ziemlich unbeleckt. Oder, sie sind ihr nicht anzumerken. Ich kann mich kaum an Gespräch über schwierige Phasen in ihrem Leben erinnern, darüber, wie sie damit umgegangen ist, was davon Spuren hinterlassen hat. In 64 Jahren Leben gibt es scheinbar so wenig Unordnung wie auf den 300qm ihrer Altbauwohnung. Utensilien werden ähnlich wie Gefühle, Erlebnisse oder Entscheidungen in eine „benutzerfreundliche“ Ordnung gebracht. Ordnung ist für sie die Voraussetzung, den Wunsch nach Zeit für sich endlich umsetzen zu können: der ist bis jetzt immer noch unerfüllt.
„Kompromisse muss man machen“, sagt sie rückblickend, doch nach einem Leben als Mutter und Frau an der Seite eines erfolgreichen Mannes will sie nach der Pensionierung meines Vaters ihr wohlverdientes Leben im Luxus-Duett. Alles zu seiner Zeit, alles hat seinen Platz – Magic de luxe!
Das Filmprojekt entsteht zu einer Zeit, in der sich mein Bild von meiner Mutter verschiebt, in der in unsere lange, oftmals sehr spannungsreiche Beziehung ein Moment von Vergleichbarkeit und Respekt, aber auch erneute Distanz einkehrt, da unsere unterschiedliche Auffassung von der Ordnung der Dinge in letzter Zeit wieder häufiger zum Ausdruck kommt.
Ich bin nun selbst seit fast vier Jahren Mutter einer kleinen Tochter, lebe jedoch ohne Mann, bin nebenher berufstätig und kann und möchte (und muss) die Arbeit und mein Leben „für mich“ nicht gänzlich begraben. Genug hat sich bereits gegen meinen Wunsch, meine Welt mit Mann und Kind zu bauen, nicht erfüllt.
Für meinen Hang zum „Ungeraden“, wie meine Mutter mir manchmal vorhält, gibt es neben meiner privaten „Unordnung“ viele weitere Beispiele. Meine Mutter steht meinen Entscheidungen und Gefühlen mitunter fassungslos und ohne jegliches Einfühlungsvermögen gegenüber. Pragmatische Berufswahl oder Konventionen wie die einer geplanten Familiengründung, Verlobung, Heirat, Taufe etc. sieht sie als bewährte Basis für ein erfülltes Leben in Sicherheit und Glück. Dass diese Ordnung nicht für alle funktioniert, ist ihr nicht verständlich zu machen.
In unserem Wesen und Lebensweg sind wir in vielen Bereichen grundsätzlich und jeder aus Überzeugung verschieden. Und doch führt sie ein Leben, um das ich sie manchmal beneide. Sie sagt mit 64 Jahren „so würde ich es wieder machen“ – ich kann nur halb so alt wie sie längst nicht so bedingungslos sagen. Und so schwingt bei aller Andersartigkeit der Leben, die wir führen, auch Faszination, Anerkennung, ja sogar ein Funken Neid mit, dass sie sich so gut mit gewissen Konventionen und Kompromissen arrangieren konnte. Und über allem steht das Gefühl, noch nie wirklich hinter diese stets aufgeräumten Kulisse gekuckt zu haben ... der Wunsch, dadurch vielleicht verwandter zu werden.

Nan Mellinger

> nach oben