NABEL

Wenn ich meine Mutter filme, dann bleibt sie 'echt'. Sie ist genau so wie sie immer ist. Meine Mutter hat lange als Model gearbeitet, und ist daran gewöhnt vor der Kamera zu stehen. Meine Position als Filmemacherin ist die hinter der Kamera. Jetzt wird die Kamera in meinem Film zum verbindenden Element. Ich möchte das Leben meiner Mutter beleuchten – als Mutter und berufstätige Frau, als alternde Schönheit, sie in einer Zeit des Wandels begleiten, in der ich selbst Mutter werde und sie Großmutter. Zwei sehr verschiedene Lebensentwürfe stehen einander gegenüber, die Auseinandersetzung zwischen uns steht schon lange aus.
Meine Mutter ist als eine der ersten nackten Frauen im „Playboy“ erschienen und für mich somit eine Vorreiterin der heutigen „Sternchen“. Sie ist repräsentativ für den Schönheitskult, in dem sich unsere heutigen Werte spiegeln, der ihren Lebensentwurf geprägt hat, und durch den auch mein Leben geprägt wurde. Ein zentrales Thema für mich in Bezug auf meine Mutter ist die Kluft zwischen ihrem Erfolg und der Bestätigung ihrer äußerlichen Schönheit einerseits, und andererseits ihrer Suche nach innerer Zufriedenheit und Anerkennung. Wie nimmt sie ihr Älterwerden wahr, in Hinblick darauf, dass sie soviel Aufmerksamkeit für ihre jugendliche Schönheit bekommen hat? Nimmt sie es an, oder versucht sie es mit allen Mitteln hinauszuzögern?
Mittlerweile leitet meine Mutter einen Catering Service und ein kleines Café. Sie bekocht täglich Hunderte von Menschen und bekommt Annerkennung über das Kochen. Sie hat, wie schon in meiner Kindheit, sich und ihre Mütterlichkeit der Öffentlichkeit gegeben und für uns, ihren Kindern nicht 'genug' davon.
Seit meiner Schwangerschaft hat die Auseinandersetzung mit meiner Mutter eine andere Dringlichkeit bekommen. Ich habe das Bedürfnis nach einem klärenden Gespräch, nach einem 'Showdown', um meine Beziehung zwischen ihr und mir neu zu definieren. Es geht mir darum, meiner Mutter näher zu kommen, anstatt zu resignieren, und meinem Bedürfnis nach Auseinandersetzung nachzugehen, um ein gegenseitiges Interesse zu wecken. Gleichzeitig ist mir bewusst, das diese Auseinandersetzung klassisch ist und somit stellvertretend für andere Mütter und Töchter.
Meine Mutter trägt eine ihrer zwanzig Sonnenbrillen und eine Lederjacke; die Jeans liegt eng an. Sie gibt sich jung und dynamisch. Ihre raue Stimme erzählt von ihrem anstrengenden Arbeitstag, vom Stress in ihrem Filmcafé auf dem Bavaria-Gelände. Sie sieht nicht aus wie eine Sechzigjährige und sie lebt auch nicht so.
Meine Mutter ist ungehemmt, unverstellt, mutig, ungebremst, ungefiltert, maßlos. Gleichzeitig ist sie sorgend und mütterlich. Sie kocht gerne, springt, wenn was fehlt, bedient ganz selbstverständlich und ist um das Wohl der Familie besorgt. Das Gefühl gebraucht zu werden, ist für sie sehr wichtig. So geht es ihr auch in ihrer Arbeit beim Catering: die mütterlichen Gefühle kann sie auch ihren Gästen gegenüber nicht abstellen. Der Zwang, Aufmerksamkeit zu bekommen, zieht sich als roter Faden durch ihr Leben und wird zu einer starken Triebfeder. Schon als Teenager war sie ein hübsches Mädchen, das von den Jungs umschwärmt war. Gleichzeitig stahl sie zu Hause Geld, um ihren Schulkameraden Schokolade schenken zu können, und so noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Schon damals hat sie gerne 'gefüttert'. Es ist ihr unstillbarer Hunger nach Liebe, der sich in den Bergen an Essen, das sie für uns, ihre Freunde und Gäste kocht, äußert. Meistens ist es zu viel und wird dann weggeschmissen.
Als erfolgreiches und umschwärmtes Fotomodell war sie viel beschäftigt und überließ mich und meine Schwester von Geburt an oft wechselnden Au-pair-Mädchen. Sie verdiente mehr als ihr Mann, der als Kameramann arbeitete. Meine Mutter beschreibt sich als „eine Pflanze, die sich assimiliert – soll ich grün werden, werde ich grün, soll ich rot werden, werde ich rot.“
Meine Mutter ist eine Frau, die immer und überall bewundert wird, nicht nur für ihre Schönheit und ihr Hollywoodlächeln, sondern auch für ihren Witz und ihre Schamlosigkeit – oder auch dreiste Direktheit. Meine Mutter hat für ihre Generation einen außergewöhnlichen Lebenslauf. Sie hat zwei Kinder alleine erzogen, nachdem ihr Mann früh gestorben ist, sie war beruflich sehr erfolgreich, gleichzeitig hatte sie viel Spaß in ihrem Leben. Sie blieb in ihrem turbulenten Leben immer authentisch, großzügig und herzlich und hat kein Blatt vor den Mund genommen. Aufgrund unserer Anschauungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, hatten meine Mutter und ich schon immer eine eher praktische Beziehung. Ich habe oft für sie gearbeitet, habe einen Teil ihre Rolle als Gastwirtin übernommen, die Oberaufsicht über eine Party gehabt oder in Notlagen ihr zur Seite gestanden. Gleichzeitig weiß ich, dass sie immer für mich da ist, wenn ich etwas brauche.
Inzwischen ist sie hingebungsvolle Oma, ihre übertriebene Aufmerksamkeit meinem Kind gegenüber und die hektische Spontaneität der Kurzbesuche spiegeln für mich ihr ganzes Leben wieder. Als Oma, mit Kind auf dem Arm, kommt sie ein wenig zur Ruhe und ist erfüllt.

Sandra Kulbach

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