SOLITAIRE

Meine Mutter beginnt ihren Tag, indem sie einmal ihr Haus umrundet, in der Hand eine Zigarette und eine Tasse instantlöslichen „Schweinekaffee“, im Gefolge ihren Hund und die beiden Katzen. Ihr nächster Nachbar bräuchte ein Fernglas, um sie dabei zu sehen, er wohnt fünfhundert Meter Luftlinie entfernt.
„Wie Oma Duck“, sagt sie, wenn sie klafterweise Holz für den Ofen zerlegt, oder die Mülltonnen hundert Meter weit bis zu der Ecke rollt, über die der Müllwagen nicht hinauskommt, weil es danach keine Wendemöglichkeit mehr gibt. Meine Mutter ist alleine, aber „wenn man schreibt, ist man nicht alleine“, sie kommuniziert, sie ist verkabelt und vernetzt mit der Welt – beinahe täglich telefoniert sie mit ihrer Mutter in Hamburg, und mit mir, ihrer Tochter in Berlin.
Sie ist eine Frau, die sich die größtmögliche Unabhängigkeit geschaffen hat, ohne dass das ihr von vorneherein erklärtes Ziel gewesen wäre.
Mich interessiert, wie es dazu gekommen ist, mich interessiert ihre Standfestigkeit, und mich interessiert, wie meine Mutter es macht, bei allen Widrigkeiten ihres Lebens ein heiterer Mensch zu bleiben.
Wir beide sind diejenigen, die von unserer ursprünglichen Kernfamilie übrig geblieben sind, früher waren wir zu viert. Sie arbeitet, wie ich mittlerweile auch, als Schriftstellerin, und ist eine ausgezeichnete Erzählerin.
Meine Mutter ist sehr kommunikativ. Sie mag Menschen, redet gerne und viel und in ihrem Beruf ist sie daran gewöhnt und darauf angewiesen, viele Menschen zu erreichen. Aber sie lebt wie auf einer Insel, alleine und nahezu ohne Nachbarn in einem nordfriesischen Reetdachhaus, sitzt in ihrem achtzigquadratmetergroßen Arbeitszimmer, einer ausgebauten Scheune, und schreibt. Sie lebt nach ihren eigenen Regeln, in ihrem eigenen Rhythmus und gewissermaßen sogar in ihrer eigenen Sprache, denn sie liebt Zitate, Wortspiele und Wortschöpfungen.
Zwischen dem Auf und Ab von beruflichen Sturm- und Flautezeiten ist in ihrem Leben viel passiert, auf das sie keinen Einfluss hatte, der Verlust ihres Vaters vor ihrer Geburt, der Tod ihres von ihr getrennt lebenden Mannes, und vor kurzer Zeit der Tod ihres dreißigjährigen Sohnes, meines Bruders.
Sie erzählte mir, sie hätte sich immer gewünscht, dass einmal ein Jahr lang „nichts ist“. Keine Umzüge, keine Krankheiten, keine finanziellen Sorgen. Als sie dann ihr Haus an der dänischen Grenze bezogen hatte, merkte sie erst hinterher, dass sie gerade zwei solcher Jahre hinter sich gebracht hat. Zwei Jahre, in denen sie so glücklich war, dass sie gar nicht darüber nachgedacht hat.
So eine Zeit wird es für meine Mutter nicht wieder geben, denn inzwischen „ist etwas“, das bleiben wird. Die Trauer um ihren Sohn wird für den Rest ihrer Zeit ein sehr präsenter Bestandteil ihres Lebens sein, der sich auch auf ihre Arbeit auswirkt. Ihr neuster Roman, „Das Geschenk“ ist eine Geschichte, die viele Themen behandelt – und nicht zuletzt das Thema, Mutter zu sein.
Wir sind daran gewöhnt, miteinander zu sprechen, über unsere Arbeit, über Privates, auch über wichtige Dinge. Typischerweise fallen die wesentlichen Aussagen nicht in statischen Interviewsituationen, wenn meine Mutter mir gegenüber sitzt, sondern nebenbei.
Meine Mutter ist immerzu in Bewegung. Ich begleite sie bei dem Spaziergang mit ihrem Hund, beobachte sie bei ihren Ritualen: der morgendlichen Hausumrundung, beim Holzhacken und Feuermachen, am Schreibtisch, bei der Gartenarbeit, und mit sich selbst Sprechen, das eigentlich ein heiteres Kommentieren der Welt ist.

Johanna Straub

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