WURZELN

"Hast Du es schon mit Zwiebelschalentee versucht?" Kochend heiß ge- trunkener Sud aus Zwiebelschalen gegen Halsschmerzen, warme Kartoffelpackungen gegen Rückenschmerzen, Essigumschläge bei Fieber, - das sind die Heilmittel aus der Hausapotheke meiner Mutter. Kürzlich war sie zum ersten Mal seit fast dreißig Jahren beim Arzt: sie brauchte eine Brille. Normalerweise hält sie nichts von Schulmedizin. Als Kind musste ich schon mal einen Schluck geweihtes Wasser aus Lourdes trinken, wenn ich wieder vom vielen Naschen Bauchschmerzen bekommen hatte.
Auf den ersten Blick könnte das Leben, das meine Mutter führt und mein Leben kaum unterschiedlicher sein: sie wohnt - seit 3 Jahren verwitwet - schon ihr ganzes Leben lang in demselben kleinen Dorf im Süd- schwarzwald, ist streng katholisch, engagiert sich in der Kirchengemeinde, singt im lokalen Chor und macht Thai Chi. Ich dagegen interessiere mich besonders für Sport, bin nicht religiös und habe als Ethnologin in den letzten fünf Jahren in vier verschiedenen Ländern gelebt. Kurz: es prallen Welten aufeinander und dabei kracht es.
Meine Motivation, einen Film über meine Mutter zu machen, besteht darin, dass ich ihren Alltag mit seinen exakten Abläufen und ihre rigorosen Überzeugungen zwar genau kenne, aber trotzdem oft nicht weiß, was dahinter steckt, was sie empfindet und was für sie wirklich wichtig ist. Über ihre Träume und Ängste redet sie nur selten, obwohl sie eigentlich ein sehr emotionaler Mensch ist. Trotz ihrer auf den ersten Blick recht konventionellen Biographie, ist meine Mutter alles andere als eine typische „Frau vom Lande“. Obwohl sie sich äußerlich an die Gepflogenheiten im Dorf anpasst, ist sie oft frustriert und wünscht sich, einfach aus den Strukturen auszubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Einerseits ist sie darauf bedacht, nicht aus der Rolle zu fallen und hat auch Angst davor hat, „was die Leute sagen,“ andererseits kann sie durchaus auch sehr exzentrisch und extrovertiert sein; es ist, als hätte sie zwei Gesichter. In meinem Film möchte ich diese unterschiedlichen Seiten meiner Mutter - die Angepasste und an sich selbst Zweifelnde vs. die vor Lebensfreude Sprühende und Übermütige - näher beleuchten und herausfinden, wie sie selbst mit diesen Widersprüchen und Stimmungsschwankungen leben kann. Unser häufigster Streitpunkt sind ihre konservativen Werte und Moralvorstellungen, vor allem in Bezug auf ihre Rolle als Frau. Sie ist davon überzeugt, dass eine Frau in erster Linie Mutter und dazu da ist, sich um die Familie zu kümmern und sich für andere aufzuopfern.
Zunächst ergibt sich das Bild einer warmherzigen und fürsorglichen Mutter, die ihre Tochter über die Maßen verwöhnt und genau dafür von dieser kritisiert wird. Bei näherem Hinsehen kommt aber noch eine Reihe anderer Aspekte hinzu. Je mehr ich im Zusammenhang mit diesem Film über das Verhältnis zu meiner Mutter nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich mein eigenes Leben als bewusst inszenierten Gegenentwurf zu ihrem Leben gestalte. Die Distanzierung sieht so aus, dass ich ihre Fähigkeiten für mich ins Gegenteil verkehre: So begegne ich beispielsweise ihrem Perfektionismus als Hausfrau mit vorsätzlicher Schludrigkeit, ihrem Sicherheitsdenken mit Abenteuerlust und ihrem ausgeprägten Familiensinn mit oft zynischer Abgrenzung. Diese Haltung schafft eine ganz besondere Form des Aufeinanderbezogenseins, in der Nähe und Distanz - auch räumlich - eine wichtige Rolle spielen. Die Dynamik aus gegenseitiger Anziehung und Abstoßung bildet das Spannungsfeld, in dem sich der Film bewegt.
Meine Mutter verlässt das Haus nie, ohne sich vorher mit geweihtem Wasser bekreuzigt zu haben. Der erste Gang des Tages führt sie ans Grab meines Vaters, der vor drei Jahren gestorben ist. Jeden Morgen fährt sie vor der Arbeit mit dem Auto kurz auf dem Friedhof vorbei und zündet eine Kerze an. Letztes Jahr hat sie vergessen, die Handbremse anzuziehen und ihr Auto hat den Gedenkstein, der direkt neben dem Grab meines Vaters steht, überrollt. „Aber das macht nichts. Der hat mich eh gestört, weil er zu wuchtig war.“
Eigentlich wollte meine Mutter Damenschneiderin werden, um für sich selbst ausgefallene Kleider entwerfen und nähen zu können; die Alternative war Nonne. Diese widersprüchlichen Berufswünsche sind symptomatisch für meine Mutter, die gängige Gegensätze oft nicht als solche empfindet. Statt dessen machte sie dann aber doch eine Ausbildung zur Industriekauffrau und besuchte danach eine einjährige Schule für Hauswirtschaft, um „zu lernen, was man als gute Mutter und Hausfrau können muss.“ Bis heute genießt sie – abgesehen vom Putzen - alle Haushaltsarbeiten: sie kocht und backt leidenschaftlich gern, hat einen riesigen Garten und betreibt im Grunde Subsistenzwirtschaft. Die Beeren für die selbst eingekochte Marmelade werden von ihr im Wald gesammelt, Obst und Gemüse stammen aus dem Garten und selbst der Schnaps wird im Dorf gebrannt.
Meine Mutter wurde als zweites von vier Kindern in Häg, einem 500-Einwohner-Dorf im Südschwarzwald geboren. Sie lebt bis heute in Häg und ist nur ein Mal in ihrem ganzen Leben umgezogen – von ihrem Elternhaus in das Elternhaus ihres Mannes Heinz. Die Familie meines Vaters lebt ebenfalls seit vielen Generationen in Häg. Gemeinsam haben meine Eltern nach der Hochzeit 1972 den Bauernhof meiner Großeltern in ein Wohnhaus umgebaut.
Bis zu meiner Geburt arbeitete meine Mutter als Kauffrau in einer Bank. Danach war sie zwanzig Jahre lang ausschließlich Hausfrau und Mutter, bis sie 1993 beschließt, ihren Beruf wieder auszuüben. Gleichzeitig hat sie meine schwerkranke Oma, ihre Schwiegermutter, bis zu deren Tod zu Hause gepflegt, weil es für sie selbstverständlich ist, dass mehrere Generationen unter einem Dach leben und man füreinander sorgt.
Nach dem Tod meines Vaters hat sich für meine Mutter vieles verändert. Sie hat seither einen großen Aktionismus entwickelt, das Haus erneut umgebaut und eine Wohngemeinschaft mit einer anderen allein stehenden Frau aus dem Dorf gegründet.
Vor zwei Jahren hat meine Mutter eine neue Arbeitsstelle als Pfarrsekretärin in einer nahe gelegenen katholischen Kirchengemeinde angetreten. Ihr Glaube und das Engagement in der Kirchengemeinde nehmen einen zunehmend wichtigen Stellenwert in ihrem Leben ein.
Mein Heimatort und die Beziehung zu meiner Mutter sind für mich untrennbar miteinander verbunden und symptomatisch für diese ambivalenten Gefühle: einerseits empfinde ich sowohl das Verhältnis zu meiner Mutter als auch die dörfliche Lebensweise und die damit verknüpfte soziale Kontrolle nach wie vor als beengend. Anderseits habe ich mittlerweile auch die Gelassenheit und Gemächlichkeit schätzen gelernt, mit der im Südschwarzwald Angelegenheiten verhandelt werden. Mit der Kamera kehre ich zurück in das Dorf in dem ich aufgewachsen bin, um mit einem bewusst veränderten Blick auf das Leben meiner Mutter zu schauen.
Meine Mutter und ich provozieren uns oft bewusst gegenseitig und nicht selten eskalieren unsere Gespräche. Ich möchte für diesen Film die Kamera als Instrument benutzen, das emotional aufgeladene Situationen entschärfen und die Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten fördern kann.

Michaela Schäuble

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